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Das Schlammbad – Wirkung und Anwendungsbereiche

T.Conrad/Teutoburger Wald Tourismus

Bei vielen Gelenkerkrankungen, bei Rheuma, Hautbeschwerden und Darmleiden ist ein Schlammbad das Naturheilmittel der Wahl. Es hemmt Schmerzen ganz natürlich, reguliert die Körperfunktionen und regt die Selbstheilungskräfte an. Selbst bei unerfülltem Kinderwunsch kann eine Moortherapie förderlich sein.

Welche Wirkung hat ein Schlammbad?

Was genau bringt ein Schlammbad? Bei einem Schlammbad lockern sich schon nach wenigen Minuten die Muskeln und Gelenke. Das liegt zum einen am natürlichen Auftrieb des Heilmoors, zum anderen an der Wärme. Das Thermometer sollte mindestens 42 °C messen. Ein Schlammbad ähnelt in seiner Wirkung einem Fieber. Bereits nach einer Badezeit von 10-12 Minuten erhöht sich die Körpertemperatur um ein bis zwei Grad. Nicht nur die tieferen Gewebsschichten und Organe werden dadurch erwärmt, sondern selbst gefäßarme und schlecht durchblutete Körperregionen wie Sehnen, Bänder und Knorpel. Vor allem bei Arthrose wirken heiße Moorbäder deshalb besonders lindernd.

Dieses künstlich erzeugte Heilfieber (medizinisch Hyperthermie genannt) hat noch weitere positive Effekte. Sowohl die Immunabwehr als auch Stoffwechsel- und Selbstheilungsprozesse im Körper werden aktiviert. Zudem wird mehr von dem Glücks- oder Wohlfühlhormon Dopamin sowie vom schmerzlindernden, entzündungshemmenden Hormon Kortison ausgeschüttet. Und da die Wärme auch den Parasympathikus anspricht, also jenen Teil des Nervensystems, der für Ruhe, eine gleichmäßige Atmung und gute Verdauung sorgt, bringen Moorbäder auch das autonome Nervensystem in Balance.

 

„Diese hyperthermische Wirkung hält noch Stunden nach dem Bad an und hat deshalb immer auch eine Wechselwirkung auf die Psyche“
-  Rheumatologe und Internist Dr. Alex Höfter, Ärztlicher Direktor am Reha- und Rheumazentrum Wendesteil in Bad Aibling

Die Wirkung von Huminsäure

Lange Zeit glaubten Forscher und Ärzte, dass die heilsamen Effekte des Moors ausschließlich auf seinen thermischen und biophysikalischen Eigenschaften beruhen. Mittlerweise ist bekannt, dass der Naturstoff auch biochemisch auf den Körper einwirkt. Vor allem die Huminsäure entfaltet enorme Heilkraft. Sie entsteht beim Zersetzungsprozess von Pflanzen, der sogenannten Humifizierung, also beim Tausende von Jahren dauernden Entstehungsprozess von Mooren.

Balneologische Untersuchungen zeigen, dass je nach Region in einem Heilmoor rund 200 bis 350 verschiedene Huminsäuren enthalten sein können. Je älter das Moor ist, desto mehr dieser chemischen Verbindungen weist es auf und desto wirkungsvoller sind sie (Balneologie ist die Heilkunde der Bäder).

Bei einem Schlammbad wandern die Huminsäuren durch die Hautporen in den Körper und stoßen dort viele verschiedene Prozesse an. Sie hemmen zum Beispiel das Wachstum von Viren, Bakterien und Pilzen. Außerdem binden sie Schadstoffe. Vor allem nach dem Schlammbad, wenn der Patient 20-30 Minuten lang dick eingepackt ruhen soll und dabei viel schwitzt, werden die Schadstoffe über die Haut ausgeleitet. Und weil dadurch die Leber entlastet wird, werden Moorbäder auch während des Fastens empfohlen. Moor entfaltet aber nicht nur in Bädern oder als kalte und warme Auflagen seine gesunde Wirkung. Auch innerlich angewandt ist es ein wertvolles Heilmittel, denn es bildet eine gallertartige Schutzschicht, unter der sich die poröse Magen- und Darmschleimhaut regenerieren kann.

Ist Schlamm gut für die Haut?

Auch die Symptome chronischer Hauterkrankungen wie Schuppenflechte (Psoriasis), Neurodermitis (atopische Dermatitis) und Akne bessern sich durch ein Schlammbad. Denn die Huminsäuren stärken den Säureschutzmantel der Haut und regen den Hautstoffwechsel an. Stoffwechselreste, Gewebswasser und Giftstoffe werden so schneller ausgeschieden. Die Haut wird gereinigt und Ekzeme bilden sich zurück. Zudem bewirken die Huminsäuren, dass sich die Haut unter der Moorschicht zusammenzieht. Erreger haben deshalb keine Chance, in die angegriffene Hautoberfläche einzudringen. Nicht zuletzt sorgt ein Schlammbad mit einem Peelingeffekt für eine glatte und strahlende Haut.

Bei unerfülltem Kinderwunsch: Schlammbad und Fruchtbarkeit

Auch bei unerfülltem Kinderwunsch hat sich Moor als wirksames Therapeutikum erwiesen. Je früher mit der Moortherapie begonnen wird, desto größer sind die Aussichten auf ein Baby. Da die Wärme verbessert die Funktion der Eierstöcke und damit die Synthese der Hormone Prolaktin und Östrogen. Dadurch steigt die Chance, schwanger zu werden deutlich an, denn diese Hormone sind für den Eisprung mitverantwortlich.

Eine Studie der Universitätsfrauenklinik München zeigte, dass zwölf Moorbäder über einen Zeitraum von drei Monaten schon ausreichten, um den Hormonzyklus zu normalisieren. Schätzungsweise 50 Prozent der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch wurden nach einer solchen Moortherapie schwanger. Eine noch bessere Erfolgsquote ergab eine kleinere Studie von 1998. Nach der Moortherapie konnten sich 17 von insgesamt 25 Teilnehmerinnen auf ein Baby freuen. Übrigens: Auch Zyklusstörungen, Prämenstruelles Syndrom (PMS) und Wechseljahresbeschwerden, ja selbst die schwer zu behandelnde Endometriose bessern sich durch eine Moortherapie.

Gut zu wissen: wann sollte man auf ein Schlammbad verzichten?

Bei akuten Fällen von entzündeten Gelenken, Arthritis und Rheumaschüben ist Wärme Gift. In dem Fall helfen kalte Moorpackungen oder -pasten sehr gut. Ein Schlammbad kann außerdem Herz-Kreislauf-Probleme hervorrufen, weil die Wärme eine große Belastung für den Körper darstellt. „In ein Moorbreibad sollte man deshalb niemals nüchtern steigen. Am besten trinkt man vorab Kaffee oder schwarzen Tee“, rät der Rheumatologe Dr. Alex Höfter. Aus diesem Grund wird das Moorbad während einer Kur auch meistens nur alle 2-3 Tage durchgeführt. Bei hohem Blutdruck, Herzschwäche, Fieber, bösartigen Tumoren und auch in der Schwangerschaft raten Ärzte ganz von Moorvollbädern ab. Teilbäder und Moorbreipackungen, die auf bestimmte (beispielsweise entzündete) Stellen aufgetragen werden, sind jedoch fast immer erlaubt.

Wie beantrage ich eine Moortherapie?

Seit dem 1. Juni 2021 kann ein Hausarzt seinen Patienten wieder direkt eine offene Badekur (bzw. eine „ambulante Vorsorgeleistung“) verordnen. Wer bislang eine Moorkur machen wollte, musste dafür meist selbst zahlen. Deshalb wurde Moor als Heilmittel oft nur noch in Kliniken im Rahmen einer Reha-Maßnahme eingesetzt. Wenn die Moorkur von der Krankenversicherung bewilligt wird, übernimmt diese die Kosten für ärztliche Behandlungen, verordnete Medikamente und Anwendungen wie Bäder und Massagen. Die Kosten für Übernachtung, Anreise und Verpflegung werden, sofern dem Antrag stattgegeben wurde, von der Krankenkasse bezuschusst.

Weitere Infos zu Moorkuren finden Sie unter www.baederkalender.de oder beim Deutschen Heilbäderverband e. V., Tel. 0228/0120-41

Weitere Anwendungsgebiete für Moorpackungen finden Sie in Ausgabe 06/21 von natürlich gesund und munter.

 

Text: Inge Behrens

Fachliche Beratung: Dr. med. Alex Höfter und Dana Peuschel